„Ich mag es klassisch…“

Das waren seine Worte beim ersten Abendessen. Ich sollte mir überlegen, ob ich bereit bin einen Vertrag zu unterschreiben, den er vorbereitet hatte. Ein Sklavenvertrag? In meinem Kopf erschien sofort Shades of Grey (ja, ich habe es gelesen), obwohl mir bewusst ist, dass es das davor auch schon gab und wohl auch weit verbreitet ist. Doch irgendwie regte sich Widerstand in mir. Warum sollte ich etwas unterschreiben, was vor keinen Gericht der Welt bestand hätte? Was uns Möglichkeiten nahm, weil sie darin ausgeschlossen wurden? Er fuhr mich zum Bahnhof und verabschiedete sich damit, dass ich mich melden solle, wenn ich Fragen habe oder mich entschieden habe. Dann saß ich in der Bahn. Einen großen braunen Umschlag in der Tasche, die plötzlich tonnenschwer erschien. In meinem Kopf sammelten sich Szenarien für die ich noch nicht bereit bin und vielleicht auch nie sein werde.

Am Abend hatte ich dann endlich Gelegenheit ihn zu lesen. Während der Session sollte ich einen anderen Namen annehmen. Überall am Vertrag hingen gelbe Post-Its mit seinen Bemerkungen. Ich sollte im Spiel Abby heißen, weil ich ihn an die Figur aus NCIS erinnere. Als ich das später hinterfragte, meinte er, dass der Name mir helfen soll, loszulassen. Ich soll in dem Moment einfach alles alltägliche loslassen. Irgendwie fand ich das ja ganz süß aber so wirklich anfreunden damit konnte ich mich nicht. Ich begann damit mir Notizen zu machen. Als nächstes landete das Siezen auf meiner Liste, was ich aber schnell strich. Zwar erschien es mir befremdlich jemanden zu Siezen, der mich schlägt und Sex mit mir hat aber auf der anderen Seite verdeutlicht es doch die Stellung, das Machtgefälle. Und obwohl ich mir sicher war, dass das ein Punkt war, den ich am Anfang bestimmt unbewusst oft missachten würde, akzeptierte ich diesen. Mittlerweile fühlt es sich völlig natürlich an aber ein paar mal rutschte mir in der ersten Session doch ein du heraus, was dann auch geahndet wurde. Durch Konsequenzen lerne ich immer noch am besten.

Das mit der Kleiderordnung hatte ich schon auf diversen Blogs gelesen und da ich eh an 99 von 100 Tagen Kleider trage, war das auch gar kein Problem. Die Halterlosen sind zwar gewöhnungsbedürftig aber je öfter ich sie für ihn trage, desto schöner finde ich  sie an mir. Weiter ging es mit den Soft und Hard Limits, die ich nach Bedarf ankreuzen und ergänzen sollte. Mein Kopfkino sprang an und am Ende sind es, für mich erschreckend, wenig Limits geworden. Mit einem Punkt haderte ich lange. Sehr. In der Fantasie wollte ich es aber es machte mir auch panische Angst. Also landete Fremdbenutzung erstmal auf der Hard Limit Liste, nachdem ich las, dass der Vertrag alle 6 Monate auf Wunsch überarbeitet werden kann.

Der Vertrag ist nur 3 Seiten lang und trotzdem brauchte ich ewig, um alles zu lesen. Gab es mir doch jede Menge Stoff zum Nachdenken. Wollte ich mich wirklich in ein Regelwerk pressen lassen? Nach einer Woche trafen wir uns in einem Cafe und sprachen alles durch. Strichen Punkte, die für mich nicht gehen, diskutierten und verhandelten. Es hatte schon fast etwas von einem Businesstermin mit erotischen Knistern. Er erklärte mir einige Begriffe und ich kam mir plötzlich wie ein Anfänger vor, der noch nie etwas von BDSM gehört hatte. Angst machte sich in mir breit, da ich doch seit 3 Jahren keinen Bezug dazu hatte. Er sah mich an und ohne dass ich etwas erwähnte, sagte er, dass wir es langsam angehen lassen werden. Und so blöd und naiv das klingt, es beruhigte mich ungemein. Ich wollte an diesem Nachmittag den Vertrag unterschreiben, doch er hielt mich auf. „Du schreibst ihn handschriftlich ab. So prägt es sich direkt ein.“ Und auch, wenn ich mir beim Schreiben irgendwie lächerlich und wie ein Schulkind vorkam, so hatte er doch recht. 90% davon kann ich auch jetzt noch auswendig und das abschreiben, war schon mal ein Vorgeschmack auf die ein oder andere nicht körperliche Strafe, die mich erwarten sollte.

Mein Fazit zum Sklavenvertrag nach Beendigung der 6 Wochen Probezeit: Er hilft. Er setzt einen klaren Rahmen. Ich weiß, womit ich rechnen muss und kann, wie ich mich verhalten soll und welche möglichen Konsequenzen es gibt. Und auch er weiß, was für mich gar nicht geht. Wobei es bei sowas wohl immer Lücken und Missverständnisse geben kann aber auch da gilt wieder: reden, reden, reden.

Wir sind noch ganz am Anfang aber es ist eine aufregende Reise und ich bin gespannt, wo sie uns noch hinführt. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich mal Rituale zu schätzen weiß aber heute kann ich sie mir schon nicht mehr wegdenken. Und irgendwie bin ich wohl zur Klischeesub mutiert aber das ist okay, so lange es Spaß macht.

2 Kommentare zu „„Ich mag es klassisch…“

    1. Das definitiv. War die erste Konfrontation damit doch sehr befremdlich, schätze ich ihn jetzt doch sehr. Einfach ein schriftlich festgelegtes Regelwerk, in das man immer mal gucken kann, falls eine Regel noch nicht so sitzt.

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