Nicht die Sub, die ich sein kann…

Ihr kennt das vermutlich alle. Ihr habt einen furchtbaren Arbeitstag und nichts klappt wie es sollte. Du stehst unter Strom und gibst alles, um alles zu richten und trotzdem klappt es nicht. Anschiss vom Chef. Laune auf dem absoluten Tiefpunkt und plötzlich hat man keine Lust mehr auf das Spieldate auf das man sich seit Tagen freute. Obwohl es eigentlich perfekt zum Frustabbau ist. Wenn sich der leichte Schweißfilm auf der Haut bildet und du nur noch auf deinen Körper, ihn und den Schmerz fokusiert bist. Die Welt da draußen steht still und ist unwichtig. Nur das jetzt zählt.

Aber an diesen Nachmittag war ich absolut demotiviert. Ich überlegte abzusagen und mich einfach nur in Jogginghose, einem brutalen Splatterfilm und einer Flasche Wein auf der Couch niederzulassen. Ich war aufgekratzt und frustriert. Und trotzdem überwand ich mich, auch wenn ich genau wusste, dass ich ihm heute nicht gefallen wollte und konnte.

Ich missachtete beim Anziehen gleich ein paar Regeln. Ich trug Unterwäsche, zwar ein Hauch von nichts aber trotzdem nicht regelkonform. Ich wollte provozieren. Warum? Keine Ahnung. Meine Haare steckte ich mir zu einem großen Dutt, die wohl meist gehasste Frisur bei Männern, zusammen und griff nicht wie üblich zum eher dezenten Make-Up, sondern schminkte mich so, als würde ich in einem Club gehen. Dunkle Augen, noch dunklere Lippen und die Haut noch heller als sie schon war. Ich sah ein bisschen aus wie ein Schneewittchen aus einem Horrorfilm. Komplettiert wurde das ganze von einem kurzen, schwarzen Spitzenkleid, obwohl ich weiß, dass er Spitze hasst. Auf die eigentlich obligatorischen Halterlosen verzichtete ich.

In der Bahn wurde ich mal wieder wie ein Tier im Zoo begafft. Nichts neues, ich kleide mich einfach nicht wie die Masse. Mal zu elegant, mal zu dunkel, mal zu auffällig aber ich steche immer hervor. Nicht, weil ich die Aufmerksamkeit will, sondern einfach weil ich mich so kleide, wie ich mich fühle und ich fühle mich selten nach Jeans und Pulli. Sehr selten. Und da überkamen mich erste Zweifel. Sollte ich wirklich? Aber jetzt war es zu spät.

Er holte mich wie üblich am Bahnhof ab. Sein blick scannte mich und ich hörte nur ein Wort „Zehn.“ Damit ist mein Strafpunktekonto gemeint. Für jede Verfehlung erhalte ich Punkte, die ich bei der nächsten oder in der laufenden Session „abarbeiten“ muss. Also stand ich jetzt bei 70. Mehr als das doppelte von meinem Höchststand. Doch statt Angst zu empfinden, wie es wohl vernünftig gewesen wäre, stachelte mich das Ganze noch an. Ich wollte ihn testen. Wie weit konnte ich ihn provozieren, bis er die Kontrolle verliert. Eigentlich ist das ja etwas was sich keine Sub wünschen sollte aber da kam wohl mal wieder mein Selbstzerstörungsdrang zur Geltung, der sich immer mal wieder meldete, wenn ich überfordert war.

Bei ihm angekommen, wir standen im Flur, wartete er auf meine übliche Bitte, mich ausziehen zu dürfen. Aber die kam dieses Mal nicht. Noch schlimmer ich schaute ihn mit einem provozierenden Grinsen an. Kurz darauf fand ich mich gegen die Wand gepresst, seine Hand an meinem Hals zudrückend, wieder. „Hast du nicht etwas vergessen?“ „Ich wüsste nicht was.“, meine trotzige Antwort. Spätestens jetzt war ihm wohl klar, dass etwas im Argen lag aber er lies sich auf mein Spiel ein. Er zerriss meinen Haargummi und zerrte mich an den Haaren ins Wohnzimmer, dann fesselte er mich schnell mit einem Seil an einen der Dachbalken. Und so stand ich da. Lange. Er holte sich ein Glas Wasser und setzte sich auf die Couch. Betrachtete mich eine Ewigkeit, sah deutlich die Missbilligung in seinen Augen. „Für das Kleid und das Make-Up gibt es noch jeweils 5 Punkte. Du willst wohl heute unbedingt die 100 knacken, was?“

Er ging in die Küche. Ich hörte wie sich eine Schublade öffnete und er nach etwas kramte. In diesem Moment überkam mich die Angst. Ja, es war Teil meiner Fantasie gewesen aber doch nicht in so einer Situation. Nicht nachdem ich ihn bis auf’s Blut gereizt hatte und aufgrund der Unterwäsche auch noch  mehr reizen würde. Ich lag mit meiner Vermutung richtig. In seiner Hand ein kleines aber sehr scharfes Küchenmesser. Ich begann zu zittern, schloss die Augen. Natürlich wäre „rot“ eine Option gewesen aber dieses Wort ist mir noch nie über die Lippen gekommen und ich wollte es nicht das erste Mal bei einer selbst verschuldeten Situation nutzen. Mein Fluchtreflex war riesig, meine Nerven zum Zerreißen gespannt. Dann spürte ich kaltes Metall seitlich an meinem Hals. „Sssh, Kleines. Ich werde dich nicht verletzen.“, waren seine beruhigenden Worte und ein kleiens bisschen Wirkung zeigten sie. Jedenfalls war die Angst weg, aufgeschlitzt zu werden.

Das Messer wanderte meinen Hals hinunter über mein Schlüsselbein bis zu meinem recht tiefen Ausschnitt. Ich hörte nur ein ratsch und schon hing mein vorher so schönes Kleid wie eine Jacke an mir. Noch 2 Schnitte an den Ärmeln und ich verlor es ganz. Schade darum aber das war im Moment meine geringste Sorge. Ich bereute, die Entscheidung für die Unterwäsche und all die Provokationen. Auch diese verschwand mit einigen Schnitten von meinem Körper. „Mit all deinen Vergehen sind wir jetzt bei 115 Punkten. Herzlichen Glückwunsch, du hast dein Ziel erreicht.“ Ich bekam einen Kuss auf die Stirn, welcher mich doch sehr verwirrte, dann ging er an seinen „Waffenschrank“. Es sollte der dünne Rohrstock und die Gerte werden. Und bei dem Gedanken an die Zahl wurde mir ganz anders.

Es war hart. Empfand ich selten Schläge als Strafe, so war es dieses Mal wirklich eine. Kaum war ich froh, dass er sich einem anderen Körperteil widmete, brannte das schon wieder wie Feuer. Doch mit jedem Schlag ließ ich ein Stück weit los. Am Ende hing ich Rotz und Wasser heulend an diesem blöden Balken, den ich verfluchte, weil ich durch ihn nicht wegkonnte und trotzdem fühlte ich mich besser. So viel besser. Er löste das Seil und fing mich auf, als ich in mich zusammensackte. Ich war am Ende meiner Kräfte. Er wickelte  mich in eine flauschige Decke und trug mich ins Schlafzimmer, wo ich bisher nie war. Als er mich abgelegt hatte, holte er mir eine große Flasche Wasser und befahl mir zu trinken. Mir war gar nicht bewusst, wie durstig ich war. Er setzte sich zu mir auf’s Bett, wo ich wie ein Häufchen Elend lag und bugsierte mich so, dass mein Kopf auf seinen Schoß lag. Dann streichelte er minutenlang einfach nur beruhigend mein Haar. Ohne etwas zu sagen. Er war einfach nur da.

Irgendwann, ich weiß nicht wie lange es gedauert hat, hatte ich mich wieder einigermaßen gefangen und entschuldigte mich für all‘ die Provokationen. Erklärte, warum ich so war, wie ich eben war und kam mir dabei ziemlich dumm und egoistisch vor. Von ihm kam nur ein: „Ich weiß. Wenn du das das nächste Mal brauchst, mach nicht so einen Zirkus und sag mir, was du brauchst. Dafür ist das Verhalten nicht nötig.“

Und möglicherweise werde ich irgendwann darauf zurückkommen. Es war riskant, all diese Provokationen und der Abend hätte böse ins Auge gehen können aber er hat mir geholfen. Sehr. Ich weiß nicht, wie ich in das Bett von S. kam aber ich bin darin aufgewacht. Auf dem Nachtisch eine betäubende Salbe und obwohl, ich soetwas sonst eher ablehne, weil ich jede Nachwirkung auskosten will, war ich doch dankbar dafür.

Heute tut es mir leid, dass ich so ausgetickt bin. Ich war nicht die Sub, die ich sein kann und will und ich mag mich dafür gar nicht aber ich habe die Chance es beim nächsten Mal wieder besser zu machen und endlich wieder mein Halsband zu tragen, was im Eifer des Gefechts vergessen wurde. Ich hatte es ja auch nicht verdient.

Vielleicht hätte ich mir den Blogpost vom Herrn EmEmBDSM zu Herzen nehmen sollen aber ich lecke nun meine Wunden und werde es beim nächsten Mal wieder gut machen. Hoffentlich.

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Unterwäsche verfluche aber sie tut weh. Es war heute körperlich härter, als alles, was ich jemals hatte. Das erste Mal aufgeplatzte Striemen. Es war eine Strafe und so habe ich es auch empfunden und auch, wenn mein Körper sich gerade wie ein einziges Schlachtfeld anfühlt, bin ich doch erfrischt. Ich fühle mich psychisch gestärkt. Es hat mir geholfen Dinge zu ordnen. Das mag für Außenstehende verrückt klingen aber es hat wirklich geholfen.

Was lernen wir daraus? Ich bin alles andere als perfekt und provoziere viel zu gern aber ich bin mir sicher, dass das in Zukunft zumindest bei ihm stark abnehmen wird. Jedenfalls wird mir das sehr deutlich bewusst, wenn ich mich nur einen Millimeter bewege aber ich habe es ja so gewollt. Wenn der Alltag es nicht zulässt, bringt es nichts zum Funktionieren zu zwingen und ich bin bestimmt einiges aber keine Sub, die als Vorbild dienen sollte.

3 Kommentare zu „Nicht die Sub, die ich sein kann…

  1. Ich glaube nicht, dass du kein Vorbild sein kannst, bzw dich großartig ändern musst um eine gute/(noch) bessere/ideale Sub zu sein.
    Ich persönlich halte von diesen Schubladen gar nichts. Wir sind alle nur Menschen und haben nunmal Fehler und bdsm bedeutet ein Stück Befreiung/Therapie/Balsam für unsere Seele. Und dafür müssen wir auch wir selbst sein dürfen. Und manchmal sind wir eben launisch, schlecht drauf, im Ausnahmezustand. Natürlich kann man -wie er vorgeschlagen hat- an der Kommunikation der Bedürfnisse arbeiten (wie er gesagt hat) aber ich glaube eine ja-und-Amen-Sub ohne Persönlichkeit wäre einem guten Dom viel zu öde. 😘

    Gefällt 4 Personen

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