An Tagen wie diesen…

Der 28.12. ist für mich kein guter Tag. Es ist jetzt 2 Jahre her, dass meine Oma, die mich mit aufzog und zu der ich zwar eine sehr tiefe Bindung aber auch eine verdammt komplizierte Beziehung hatte, starb. Ohne mich. Ich habe 600km entfernt gearbeitet, obwohl ich wusste, dass es bald soweit sein würde aber es ging nicht anders. Für mich ließ sich einfach kein Ersatz finden. Ich mache mir, nicht nur deshalb, Vorwürfe und die werde ich wohl niemals abschütteln können.

Und so kam es, dass ich am 28.12. kurz nach 0 Uhr S. schrieb, ob er mich abholen konnte. Eigentlich hatte ich vor allein zu ihrem Grab zu gehen. Er sollte nur vor dem Tor des Friedhofes auf mich warten. Er ließ es nicht zu. Er hielt Abstand und schwieg, während ich vor dem Grab stand und eine schwarze Kerze entzündete. Einige mögen das geschmacklos finden und sich an der Farbe stören aber gerade kurz vor ihrem Ende konnte sie sich nur an mich als Gruftimädchen erinnern. Es war kalt und windig und die Kerze wollte einfach nicht brennen, bis S. mir die Kerze aus den zitternden Händen nahm. Bei ihm klappte es natürlich sofort. Und so stand ich da. Nachts auf einem Friedhof vor einem Grab und wurde mir der Ironie bewusst, dass meine Oma mich immer davor gewarnt hatte, zwar in einem anderen Kontext aber ich musste schmunzeln. Ja, sogar lachen und dann brachen Emotionen hervor, die ich immer nur allzu gut unterdrücken konnte.

Ich weiß nicht warum er es tat aber auf einmal saß S. auf dem dreckigen, kalten und nassen Boden und versuchte mich auf seinen Schoß zu ziehen aber im ersten Moment hatte er keine Chance. Ich ertrage in solchen Situationen eigentlich keine Nähe. Ich will es selbst bewältigen, auch wenn ich das nicht muss. Aber ich will meine vermeintliche Stärke in diesem Moment nicht aufgeben.

Er nahm meine Hand, während er so dort unten saß.

„Guck mich an, Kleines.“ Es war fast ein Flüstern. Kein Befehl und doch nannte er mich Kleines. Es dauerte einige Minuten bis ich dem auch wirklich nach kam. Zu sehr kämpfte ich damit nicht zu weinen. Idiotisch, wenn man bedenkt, in welchen Situationen er mich schon gesehen und gebracht hat. Aber da war diese Angst bemitleidenswert wirken zu können. Die ganze Zeit spürte ich wie sein Daumen über meinen Handrücken strich.

Als ich ihm dann endlich in die Augen blickte, zog er mich auf seinen Schoß und legte seine Arme um mich. Und meine Dämme brachen. Er sagte kein Wort und hielt mich einfach fest. Wie ich es brauchte. Wir waren fast eine Stunde auf diesem Friedhof und er muss gut durchgefroren gewesen sein. Meine Nachfrage auf dem Heimweg wischte er mit einem „im Moment zählst nur du“ weg.

Ich schlief in seinen Armen ein. Wohl wissend, dass dieser Tag ein schwieriger sein würde. Nicht nur für mich. Auch für ihn.

Den ganzen Tag über provozierte ich, wo ich nur konnte und er nahm alles gelassen hin. Mir war alles egal. Ich würde sogar einen Monat auf den Teppich schlafen aber ich wollte, dass er mir Schmerzen zufügte. Einfach um diese Emotionen, die ich so lange, so gut unterdrückte, zu überlagern.

Am Abend als ich von der Arbeit kam und immer noch nicht mein gewünschtes Ergebnis hatte, zog ich mich aus, legte den dünnen Rohrstock bereit und wartete über der Couch gebeugt auf ihn. Doch statt mir, wie er erhofft, körperliche Schmerzen zuzufügen, die die emotionalen verdrängen sollten, hauchte er mir nur einen Kuss auf die Schulter, holte seinen Bademantel und zog ihn mir an, um mich wieder auf seinen Schoß zu ziehen.

„Ich werde dir heute nicht wehtun, Kleines. Ich weiß, du willst es aber das wäre nicht gut für dich. Bewirf mich mit Sachen, beschimpf mich, schlag mich – es ist mir egal. Ich werde dir heute keine Schmerzen bereiten. Ich habe mir von deiner Mutter Fotoalben geliehen und die werden wir uns ansehen. Wenn du willst, kannst du mir auch erzählen, was ihr auf den Fotos erlebt habt.“

Und so kam es. Diese Fotos zu sehen, die ich seit 5 Jahren nicht gesehen hatten, tat unglaublich weh. Mir wurde wieder einmal bewusst, was ich verloren hatte. Es war nötig, auch wenn es verdammt weh tat aber irgendwie auch heilsam. Sehr heilsam.

Er hätte es so viel einfacher haben können, hätte er einfach den Rohrstock genommen und mich bis zum Safeword getrieben aber das hat er nicht. Und ich weiß, er war in diesem Moment, wo ich es nicht sein konnte, vernünftig und hat auf mich aufgepasst. Hat mich vor mir selbst beschützt… etwas was ich so noch nicht kannte.

 

 

2 Kommentare zu „An Tagen wie diesen…

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