Einblicke ins Kellnerleben

Wer heute eine heiße Geschichte erwartet, den muss ich leider enttäuschen. Derjenige möge einen der älteren Posts lesen und sich daran erfreuen. Heute möchte ich mit euch ein paar Erlebnisse und Eindrücke teilen, die ich jetzt in meinen 6 Wochen als Kellnerin erfahren durfte. Und was soll ich sagen? Man lernt viel über die Menschheit, wenn man ihnen Alkohol und Essen bringt.

Ich habe das Gefühl bekommen, dass Gäste Kellner nicht als Menschen wahrnehmen, sondern als Roboter, die man behandeln kann, wie man möchte. Natürlich sind nicht alle so aber gefühlt ist es doch die Mehrheit. Sei es, wenn man telefonisch eine Bestellung aufnimmt und schon bei der höfflichen Verabschiedung das tut-tut-tut des Telefons hört oder am Gast selbst, dem du dich näherst und sie dich ignorieren und munter weiter auf ein Youtube-Video glotzen. Scheinbar werden wir unsichtbar, wenn wir eine Schürze tragen. Natürlich nur so lang, bis irgendetwas nicht passt. Sei es der Wein, der natürlich fast ausgetrunken wird und dann als korkig reklamiert wird oder das Essen nicht schmeckt, obwohl nur eine einzelne Nudel auf dem Teller liegt. In diesem Moment fällt es oft schwer freundlich zu sein aber eins habe ich gelernt, der Kunde ist König, auch wenn er das größte Arschloch des Universums ist und einen mit Bierdeckeln bewirft. Schlechtes Benehmen beantworte ich mit absoluter übertriebener Höfflichkeit.

Vor kurzen hatten wir einen Kegelverein da, ca. 30 Personen, die nach und nach eintrudelten. Und ich gebe zu, dass ich einen von ihnen kurz übersehen habe. Seine Reaktion als ich ihn nach 15 Minuten nach seinem Getränkewunsch fragte, war Geschrei, die Drohung, dass er für meine Kündigung sorgen würde und natürlich ein sexistischer Spruch. Natürlich wurde ich nicht gekündigt aber in solchen Momenten frage ich mich, warum Mensch so reagiert. Natürlich kann man seinen Unmut äußern aber muss man dabei seine Kinderstube vergessen? Auch Servicepersonal sind nur Menschen, die auch mal einen Fehler machen und jetzt mal ehrlich, wer von euch hat noch nie im Job einen Fehler gemacht? Man sollte meinen, nach einer oder drei höflichen Entschuldigungen wäre das gegessen aber weit gefehlt. Natürlich wird der gesamte Tisch dazu animiert, ja kein Trinkgeld zu geben.

Ich möchte hier nicht jammern aber viele Kellner verdienen nicht die Welt und ohne das Trinkgeld sieht es knapp aus. Aber ich habe gelernt, dass die 5-10%, die immer wieder herumgeistern, doch eher eine Ausnahme sind. Oftmals bekommt man nicht mal die 10 Cent, die zum Aufrunden fehlen würden und das obwohl der Gast nichts beanstanden hat. Das lässt einen Zweifeln. Bin ich wirklich so wenig wert? Und dann sind da die Gäste, die selbst wenig haben und für die Essengehen ein Highlight ist. Die ein großartiges Trinkgeld geben und sich oftmals mehrmals bedanken. Das sind die, für die ich diesen Job nur zu gerne mache. Und es egal erscheint, dass man seit 12 Stunden am Arbeiten ist. Und bevor ihr mit Arbeitsrecht kommt… Ich sage nichts dazu und lache leise vor mich hin.

Natürlich gibt es Methoden, um das Trinkgeld aufzubessern. Roter Lippenstift, ein Knopf der Bluse mehr geöffnet, als es sein müsste und natürlich auch hin und wieder ein harmloser Flirt aber die Grenze zu ziehen, ist schwierig, besonders wenn später mehr Alkohol im Spiel ist.

Fragt mich ein Gast nach meiner Handynummer, bekommt er mit einem Lächeln einen Flyer des Lokals, mit dem Kommentar, dass ich so viel arbeite, dass ich dort besser zu erreichen bin. Meist endet das in einem Lachen. Schwieriger wird es dann mit Berührungen. Zurückweisungen mindern das Trinkgeld. Ein Arm, um die Hüfte gelegt, wird oft toleriert, je nach Alkoholpegel, während andere Bereiche tabu sind und ich dann, verzeiht den Ausdruck, lieber auf das Trinkgeld scheiße. Nur weil ich im Service arbeite, muss ich euch nicht jeden Wunsch erfülle. Besonders wenn er nicht auf der Karte steht!

Oftmals lächle ich unangenehme Situationen weg. Der Opa, der mich mit seinem Sohn verkuppeln will, der andere alte Mann, der zu jedem Bier auch einen Schmatzer bestellt, auch das ist Alltag. Ein lockerer Spruch hilft da oft aber manche Situationen überfordern. Auch Fragen, ob man mich als Dessert haben kann, sind unangehm.

Warum ich euch das alles erzähle? Damit ihr vielleicht ein bisschen versteht, warum es auch dem Service manchmal schwer fällt zu lächeln. Ich liebe meinen Job, er macht mir jede Menge Spaß, trotz all dieser Umstände aber was mich wirklich nervt, ist dass wir als hirnlose Tellerträger wahrgenommen werden. Kellnern ist mehr als Gläser und Teller tragen. Wir haben die Karte im Kopf, improvisieren, wenn ein Gast Sonderwünsche hat, mixen Cocktails (auch ohne Rezept), können Servietten auf x-verschieden Arten falten, machen den Einkauf, kontrollieren die Küche, organsieren große Feste, schleppen auch mal Getränkefässer rum und vor allem, versuchen wir euch glücklich zu machen. Aber wir sind nur Menschen. Auch uns passieren Fehler und Missgeschicke. Seid nett und höflich, so wie ihr es vielleicht zuhause gelernt habt, gebt Trinkgeld, wenn ihr zufrieden seid, auch wenn ihr mit Karte zahlt und versucht eure Hände bei euch zu halten. Wir alle sind Menschen mit Gefühlen. Es wäre schön, wenn ihr das beim nächsten Essen bedenkt und uns vielleicht auch mal ein Lächeln schenkt, auch wenn wir vielleicht wie Pinguine aussehen.

4 Kommentare zu „Einblicke ins Kellnerleben

  1. Mein Junior (fast 17) kellnert momentan auch um sich seinen Führerschein zu verdienen.
    Allerdings in einem kleinen, gutbürgerlichen Lokal (Schützenhaus) in einer Kleinstadt im Bayerischen Wald.
    Momentan trägt er nur die Teller von der Küche zum Gast und zurück. Seine Chefs lassen ihn mit Absicht klein anfangen, eben weil sie wissen, wie stressig das ganze ist, gerade für Anfänger. Demnächst darf er dann Bestellungen aufnehmen, später auch mal kassieren.
    Kleinstadt oder Dorf ist halt was anderes als in der Großstadt.

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  2. Guter Beitrag!!!

    Ich kenne das selbst.
    Die Anmachsprüche und Co muss man wirklich in die Schublade stecken und oft bin ich auch in diesem Job schroff gewesen, weil zu viele Gäste denken, dass man unter die Gürtellinie gehen darf.
    Kellnern ist oft ein scheiß Job, aber die Gastro ist wie eine Droge.

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  3. Als Gast gebe ich immer Trinkgeld, wenn der Service freundlich und ok war. Es muss dafür nicht mal perfekt sein.
    Und bei nem richtig gutem Service dann auch gerne 10-15%
    Bei kleinen Beträgen auch mal mehr.
    Und ich versuche das immer in bar zu machen.

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  4. Die Bedienung wurde von mir schon immer sorgfälltig behandel und ich habe auch schon Freunde böse gerügt,wenn der Tip zu gering ausfiel.
    Allerdings gibt es auch rotziges Personal und das lasse ich es auch spüren

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