Urlaub vom Funktionieren

Ein ganz normaler Mittwoch. Ich habe die Frühschicht doch etwas ist anders. Statt mit meiner kleinen Tasche stelle ich in unserem Lager meinen Koffer und eine große Tasche ab. Der Tag beginnt und wird wie erwartet, statt entspannt und schön, purer Kampf und Krieg. Wenn es Schnitzel im Mittagsangebot gibt, kennt die Landbevölkerung eben keinen Spaß und so kommt es, dass wir den zweiten Helfer 2h früher bestellen müssen und es auch kaum zu dritt schaffen, alle satt zu bekommen. Von glücklich machen, kann keine Rede sein. Es ist wie im Krieg und so wird natürlich unser Essen, dass seit 14 Uhr auf dem Tisch steht kalt. Keine kurze Ruhepause, wie es oft so ist zwischen Mittags- und Eisgeschäft. Rennen, rennen, rennen und dabei immer schön freundlich lächeln. Aber heute macht es mir nichts aus. Schließlich steht im Lager mein Koffer. 16 Uhr kommt meine Ablöse und natürlich wird es bei ihr ruhiger. Wie es immer ist. Die Küche zwingt mich, noch etwas zu essen, weil ich ja die ganze Nacht unterwegs sein werde. Hunger habe ich keinen aber was muss, das muss und so wickle ich noch ein bisschen Besteck und kann mich schließlich 18 Uhr, ohne eine nennenswerte Pause gehabt zu haben, umziehen. Ich schnappe mir meinen Koffer und ab zum Bahnhof. Eigentlich bin ich erschöpft aber die Vorfreude hält mich wach. In 12 Stunden holt mich der Mann, den ich liebe vom Bahnhof ab.

Erstaunlicherweise habe ich eine angenehme Fahrt und das obwohl der Nachtbus nach Mailand bis zum letzten Platz belegt ist. Am Bahnhof falle ich dem Bären um den Hals. Es geht nach Hause und nach einigem Geknutsche verschwinde ich schließlich unter die Dusche. 20 Stunden Arbeit und Fahrt steigern einfach dieses Bedürfnis ins Unendliche. Wir verbringen einen ruhigen Tag, schlafen noch ein paar Stunden und dann… dann kommen seine Eltern vorbei. Wir sind seit einem halben Jahr zusammen und doch ist es noch nicht offiziell und ich habe Angst. Eine Scheißangst. Die Frau, die im Job vor Selbstbewusstsein strotz, zittert beim Gedanken an Eltern. Aber ich wollte es so. Wollte kein Geheimnis mehr sein. Also Augen zu und durch. Und es war gar nicht so schlimm. Eigentlich sogar fast gut. Sie sind nett und er meint, sie mögen mich aber ein Stimmchen in mir möchte das nicht verstehen. Eltern, die mich mögen? Unmöglich.

Tags darauf bekommen wir tierischen Besuch und nicht nur den. Auch Knoppso und ein anderer Freund von ihm wollen sich an meine Pen & Paper Entjungferung machen. Ich lerne, dass ein Würfel auch mehr als 6 Seiten haben kann und dass mein Talent für diese Art von Spiel sehr begrenzt ist, es aber auch jede Menge Spaß macht. Und Luna, der Besuchshund, hat wohl einen Narren an mir gefressen und so spielen wir die ganze Zeit, bis sie schließlich nach mehreren Stunden auf der Couch schläft. Ich, von oben bis unten abgeschleckt, verschwinde wieder mal unter die Dusche, um dann eine weitere Nacht in den Armen meines Mannes zu verbringen. Doch an Schlaf ist zunächst nicht zu denken. Es steht am nächsten Tag eine Familienfeier an und da sind sie wieder, die Selbstzweifel. Dass ich für diesen Mann gar nicht gut genug sein kann. Dass ich nicht hierherpasse mit meiner RTL-Familie, meinem „niederen“ Job und all dem. Es war nicht angenehm aber es hätte schlimmer sein können. Ich wurde weniger ausgefragt, als gedacht und das Gesicht seines Bruders, als er sieht, wer da neben ihm sitzt, bringt mich auch jetzt noch zum Lachen. Ich war eben eine echte Überraschung.

Danach, vollgefressen mit Kuchen, geht es zu einem kleinen See. Die Füße ins Wasser halten und endlich mal den Sommer spüren. Leben, nicht nur funktionieren. Atmen können. All das vermittelt mir dieser Ort. Ich hätte es nie für möglich gehalten aber ich fühle mich tatsächlich in dieser Ecke Deutschlands wohl. Mehr als das.

Am Sonntag kommt etwas BDSM ins Spiel in Form von 60 Schlägen mit dem Bambusstock und doch ist es nicht genug. Es ist nie genug. Aber ich fliege wieder und genieße jede Sekunde davon. Für den nächsten Tag wird mir die doppelte Menge angekündigt und ich kann es kaum erwarten. Des Nachts, unsere letzte, kommt der Satisfyer zum Einsatz und ich weiß gar nicht wie er das macht aber scheinbar kann er das Ding besser bedienen als ich. So gut, dass ich fast bettle.

Der nächste Morgen beginnt und so liege ich wieder auf dem Bauch und erfreue mich an Schlägen. Wisst ihr eigentlich wie schwer es ist von 120 rückwärts zu zählen? Ich glaube, wir haben einen neue Stufe erreicht. Er ist unnachgiebiger, lässt meiner Göre keinen Spielraum und ist insgesamt härter und ich liebe es. Jede einzelne Sekunde davon, jedes einzelne Wort. Ich bin gern sein Fickstück und im nächsten Moment kuschle ich mich an ihn und mache Pläne für die Zukunft.

Hätte mir jemand vor einem halben Jahr gesagt, dass ich nächstes Jahr nach Bayern ziehen möchte und noch eine Ausbildung beginnen will, hätte ich mich wohl auf dem Boden gerollt vor lachen aber dieser Mann… scheint einfach alles möglich zu machen. Alle Mauern niederzureißen und dabei mein Fels in der Brandung zu sein. Ich frage mich, wie ich das verdient habe und will die Antwort vermutlich gar nicht wissen. In seiner Gegenwart lebe ich, bin kein Roboter mehr und funktioniere. Ich lache, weine und das wichtigste, diese Emotionen sind echt. In 6 Wochen sehen wir uns das nächste Mal wieder und ich kann es kaum erwarten aber für jetzt und heute heißt es wohl Schürze und Portemonaie packen und auf zur Arbeit. Funktionieren und ab und zu grinsen, wenn ich mich irgendwo stoße und die Erinnerungen zurückkommen.

Ein Kommentar zu „Urlaub vom Funktionieren

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