Mein Outing

Sobald man nicht der Norm entspricht, wird es schwierig wirklich offen über alles zu reden. Meine Freundinnen schwärmten früher immer von wahnsinnig romantischen Dates und ich blieb still dabei. Meine Vorstellungen sind eben anders. Ich werde gern gegen eine Wand gedrückt und dann geküsst, während eine Hand vielleicht unter meinem Rock verschwindet. Für meine Freundinnen absolut unvorstellbar. Ich sah mit ihnen Shades of Grey im Kino, hörte mir an, wie sie davon schwärmten oder meinten, es wäre zu hart und ich biss mir auf die Zunge. Ich wusste, wie sich all das anfühlt, wie es ist sich zu unterwerfen und die Kontrolle abzugeben und noch so viel mehr. Meine damalige beste Freundin, eine Alice Schwarzer Anhängerin, hätte mich wohl direkt einweisen lassen, wüsste sie was ich damals so alles getrieben habe und das obwohl es aus heutiger Sicht absolut harmlos blieb.

In meinem Freundeskreis weiß es nur S., mein bester Freund seit der Kindheit, vor dem ich mich gar nicht outen musste, weil er es erkannte, als ich mich nach einer Session auf seine Couch fallen ließ. Man Gesicht hat mich wohl verraten. Er hat kontrolliert, ob ich irgendwo offene Striemen habe und mich mit Salbe behandelt. Dann erzählte er mir, dass er auch „so einer“ ist. Und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Ich hätte es früher wissen können. Er strahlt einfach eine natürliche Dominanz aus, die kaum eine Frau widerstehen kann und will. Wir hatten ein langes Gespräch und es ist schön jetzt auch immer die Sicht eines anderen Doms bekommen zu können, auch schätzt er meine Sicht als Sub auf bestimmte Dinge sehr. Er verriet mir vor kurzen, dass es ihm bei mir schon recht früh klar war, dass ich devot bin. „Mit 16 wusste ich es. Deine Ausstrahlung, dein ganzes Verhalten.“ Damit wusste er es wohl 2 Jahre vor mir und woran er es genau gesehen haben will, weiß ich bis heute nicht. Ich war damals eine kleine, schüchterne, dicke, graue Maus, die zwar Fantasien hatte aber für die sich kein Mann interessierte. Aber es ist schön jemanden zu haben, mit dem man offen reden kann, der einen auch die andere Seite aufzeigen kann und der dich nicht, für das was du bist, verurteilt.

Dann kam das unfreiwillige Outing in der Familie. Durch einen blöden Fehler, der eigentlich auch gar nichts mit BDSM zu tun hatte. Ich wollte meiner Mutter eigentlich nur ein Foto zeigen, etwas ganz unverfängliches, blöderweise guckte sie, als ich die Galerie öffnete auf mein Handy und sah das letzte Foto. Ich im BH mit heftigen Bissspuren am ganzen Körper. Die stammten von einer kurzen etwas härteren Affaire und ich hatte das Foto nur gemacht, um eine Erinnerung zu haben. Ihre Reaktion war pure Fassungslosigkeit. Und schon prasselten die vorwurfsvollen Fragen auf mich ein.

„Das kann doch nicht freiwillig gewesen sein. Wir müssen die Polizei rufen? Wer war der Mistkerl?!“
„Das war absolut freiwillig und die Polizei hat in dem Fall gar nichts zu suchen. Ich wollte das.“
„Wie kannst du das wollen? Das muss doch schmerzhaft sein.“
„Das ist es aber genau das ist der Sinn der Sache. Ich achte darauf, dass keine bleibende Schäden entstehen.“

Diese Antwort war ein großer Fehler. Ich hätte das bleibende einfach weglassen müssen. Es folgten Aussagen wie, dass ich wohl eine Borderlinerin wäre und in Behandlung müsste, dass Shades of Grey daran Schuld sein muss und das das alles krank ist. Ich versuchte ihr das alles möglichst sachlich zu erklären, auch wenn ihre Aussagen mich tief verletzten.

„Ich weiß, dass das nicht der Norm entspricht aber du hättest doch auch kein Problem damit, wenn ich lesbisch wäre. Es ist einfach eine andere Form der Sexualität. Ich achte sehr auf mich und meine Sicherheit, du musst dir keine Sorgen machen. Du hast mich doch offen erzogen.“

„Du lässt dich von Männern schlagen und erniedrigen. Und da soll ich mir keine Sorgen machen? Vermutlich hat dir die strenge Hand eines Vaters gefehlt, dann würdest du das jetzt nicht wollen. Ich habe dich doch zu einer jungen, selbstbewussten und selbstbestimmten Frau erzogen, die sich keinem Mann jemals unterordnet.“

Es folgten noch sehr lange Gespräche. Das Unverständnis blieb und so drohte mir meine Mutter Hausarrest an. Mit Mitte 20. Mir ist bewusst, dass sie völlig überfordert damit war. Sie hatte häusliche Gewalt erfahren und konnte nicht verstehen, dass BDSM damit rein gar nicht zu tun hat. Sie verstand auch nicht, dass geschlagen zu werden, mich glücklich machen könne. Sie rief in ihrer Verzweiflung meine Schwester an und outete mich auch vor ihr.

Hatte ich befürchtet, dass sie schockiert sein würde, und da war ich mir sicher, bei ihrem spießigen Leben, war das Gegenteil der Fall. Sie fragte mich ein paar Dinge, stellte sicher, dass ich mich in Zukunft von ihre Covern ließ und kämpfte nun mit mir gemeinsam für das Verständnis oder wenigstens die Toleranz meiner Mutter. Sie will nichts davon wissen, wenn ich zu „Dates“ gehe, außer die Infos, die sie zum Covern braucht und das ist auch okay so.

Meine Mutter hingegen redet nicht mehr über das Thema. Nur eine letzte Aussage bekam ich von ihr dazu. „Du bist erwachsen. Du musst wissen, was du tust aber pass‘ bitte auf dich auf. Ich will dich nicht irgendwann bei Medical Detectives als Fall sehen, während dieser Benecke darüber redet, welche Larven man auf dir gefunden hat.“ Ich verkniff mir ein Lachen und dachte mir meinen Teil.

Insgesamt hätte ich mir natürlich eine andere Reaktion erhofft, bzw. eigentlich gar keine. Ich finde nicht, dass meine Familie, was ich im Bett, Wald, Aufzug oder wo auch immer so treibe, wissen muss. Meine Mutter weiß sehr genau, dass der „Kaffee mit einer Freundin“ regelmäßig aber meist weder Kaffee, noch eine Freundin beinhaltet und ich weiß, dass sie es weiß. Jetzt ist es raus und darüber wird eisern geschwiegen. Damit habe ich mir wohl einen weiteren Punkt auf der „Schwarze Schaf der Familie“-Liste eingehandelt aber auch damit kann ich leben.