Eine NichtgenugLiebeserklärung

Dieser Post wird sich um S. drehen und ich sehe schon, wie er es liest und peinlich berührt ist. Du wirst es auch nicht kommentieren, jedenfalls nicht hier. Dieses Internet ist nicht deine Welt und du wirst wohl nie verstehen, was es mir gibt und das ist vollkommen okay so.

Wir haben noch nicht über die Sache am Montag gesprochen und du brauchst Zeit. Das respektiere ich, auch wenn es mich wahnsinnig macht. Du weißt, ich bin die Ungeduld in Person aber ich warte und hoffe, dass das hier gerade kein Fehler ist. Aber ich will, dass du das weißt, auch wenn die Stimmung so angespannt ist. So als wären unsere Nerven zum Reißen gespannt und vermutlich hast du mich auch deshalb in die Küche geschickt, um etwas für meine Schwester, Neffen und dich zu kochen, die ihr mir bei dem Umzug helft.

Du warst immer da. Ich weiß nicht, seit wann du in dem Haus wohnst, in dem auch meine Mutter ihre Wohnung bezieht aber ich es müssten über 15 Jahre sein. Du hast mir so oft bei Chemiehausaufgaben geholfen… okay, ehrlicherweise hast du sie gemacht, weil es für mich immer ein Buch mit 7 Siegeln war. Aber unsere Freundschaft begann wohl, als ich im Winter durchgefroren vor dem Haus saß. Ein viel zu kurzes Kleid an und mich verfluchte, weil ich den Schlüssel nicht dabei hatte. Betrunken, nachts 3 Uhr und ich konnte meine Mutter nicht wecken, weil ich doch angeblich bei einer Freundin schlief. Ich weiß nicht, woher du kamst aber du warst gut gelaunt und hast mich mit zu dir genommen. Ich glaube, das war mit 15 und schon damals fand ich dich heiß aber das weißt du ja. Für dich war ich einfach nur die Nachbarstochter, mit komischen Musikgeschmack, immer zu extrem geschminkt und etwas zu gruftilike gekleidet aber du hast mir aus der Patsche geholfen. An dieser Nacht hast du noch eine Pizza in den Ofen geschoben, mit mir noch einen Whisky getrunken, den ich unbedingt mit Cola mischen wollte, doch dein strenger Blick verhinderte dies. Du hast mir dann dein Bett überlassen, während du auf der Couch dein Nachtlager eingerichtet hast. Am nächsten Morgen stand auf dem Nachttisch eine Aspirin und ein Glas Wasser mit einem Zettel, wo ich Handtuch und co finden würde.

Du warst der erste, der mich in ein Korsett geschnürrt hat. Und du warst wirklich nicht zimperlich dabei. Ich schämte mich aus irgendeinem Grund in dem Moment. Welche 16jährige ließ sich denn auch schon von einem Ü30jährigen so anfassen? Aber du hast mir jede Unsicherheit genommen. Es hatte sich eingebürgert, dass du mich immer von Parties abholtest, weil du sichergehen wolltest, dass ich mich nicht auf das Moped eines betrunkenen Halbstarken setzte und doch hast du mir jede Freiheit gelassen.

In meiner Teenagerzeit war deine Couch mein zweites Bett. Ich war wirklich furchtbar und so warst du immer meine Zuflucht. Später, ich lernte meinen ersten Freund kennen, warst du es der mich immer zum Bahnhof gefahren hat und du hast mir sogar hin und wieder das Ticket gekauft. Als ich dann zu ihn zog, 600km entfernt, dachte ich, das wäre es aber du warst hartnäckig. Wir hielten immer Kontakt, auch wenn er oberflächlicher wurde.

Dann mit 19, war ich Heimatbesuch ohne Freund und du warst da. Ich schlief auf deiner Couch als wäre nichts geschehen. Wir tranken Whisky, ich kochte und wir sahen irgendeine Doku. Dann, ich weiß nicht wie es dazu kam, standest du auf einmal vor mir, ganz nah und obwohl ich in einer Beziehung war, war mein einziger Gedanke, dass du mich küssen sollst und das wolltest du auch, das weiß ich. Ich war für dich nicht mehr das kleine Mädchen. Doch statt es zu tun, landeten deine Lippen auf meiner Stirn und ich war erleichtert und enttäuscht zugleich. Wir führten ein langes Gespräch, damals unsere Neigungen komplett ausklammernd. Es ging darum, dass diese Freundschaft viel mehr wert wäre, als Sex, als jeder Versuch einer Beziehung aber auch, dass wir Gefühle füreinander haben. Und es war gut so. Ab da war das geklärt, trotz des ständigen Knistern, selbst wenn ich in Jogginghose und Gammelshirt neben dir saß und mir eigentlich wünschte, dass du mich aus diesen Klamotten befreist.

Die Beziehung endete ein Jahr später und ich war am Ende. Ich hatte mich selbst verloren, wusste nicht mehr, was ich mag und was nicht und wusste einfach nichts mit mir anzufangen. Hatte ich doch 2 Jahre mehr oder weniger nur für diesen Mann gelebt, ein Fehler, den ich nicht nochmal begehe. Du warst da. Du hast mir einfach ein Ticket für die Bahn geschickt und hast all das Furchtbare mit durch gemacht. Du hast mit mir Eis gefressen, mich mit Alkohol versorgt und jeden Splatterfilm gesehen, der blutig genug für diese Situation war. Und das obwohl du solche Filme hasst. Ich sah aus, wie ein Monster und trotzdem hast du mich nicht losgelassen, auch als ich auf dich in blinder Wut auf die Männerwelt einschlug. Das war das erste Mal, dass wir zusammen in einem Bett schliefen. Ganz ohne Sex, den es wohl auch nie geben wird. Einfach, weil ich nicht allein schlafen konnte. Dein Arm um mich gab mir Sicherheit. Nach einer Woche hast du mich wieder in die Welt geschickt, warst mit mir in einer Buchhandlung, Shoppen und hast mir einfach gezeigt, dass das Leben schön sein kann. Ich weiß es klingt hochtrabend aber ich schätze, du hast mir in dieser Zeit das Leben gerettet.

Meine Zeit in der Heimat ging zuende, die Semesterferien waren vorbei und auch hier blieb der Kontakt bestehen. Dann irgendwann kam Freund Nr. 2 und ich brachte auch ihn mit nach Hause. Meine Mutter sah sowohl Freund 1, als auch Freund Nr. 2 schon als Schwiegersohn und heute wird mir schlecht bei dem Gedanken aber damals glaubte auch ich daran. Du hast Abstand gehalten, um nichts zu zerstören. Das rechne ich dir hoch an.

Und dann? Der große Knall: Job weg, Beziehung weg. Auf in die Heimat, raus aus der Stadt, die ich so liebe, neuer Job, erstmal bei Muttern einziehen. Etwas was man mit Mitte 20 nicht erleben will aber du warst mein Lichtblick. Ich weiß noch, wie ich dich beim ersten Wiedersehen in der Gaststätte meiner Mutter ansprang. Du hattest gar keine Wahl, als meine Oberschenkel zu packen, sonst wären wir wohl beide umgekippt. Natürlich passierte die Szene genau neben dem Stammtisch und so hatten wir natürlich wieder eine Affaire, wie es schon seit mittlerweile 7 Jahren immer mal wieder durch’s Dorf geistert aber du hast mir Kraft gegeben und ich verbringe mindestens 2 Nächte der Woche bei dir. Ich koche, du suchst das Fernsehprogramm aus und kümmerst dich um die Getränke und von außen, ja, da könnte man tatsächlich annehmen, wir hätten eine Beziehung. Immerhin habe ich eine Schublade bei dir, mehr als jede deiner Verflossenen je bekommen hat. Die habe ich kommen und gehen sehen und mir fällt auf, sie ähneln mir. Vielleicht 5-10 Jahre älter aber der Typ ist immer gleich. Und ich wünschte, es würde mal eine bleiben, die dich zum Strahlen bringt. Das wünsche ich mir wirklich.

Und dann der Abend… Ich kam von der ersten Session mit dem Mann, der mich zur Zeit bespielen darf und klingelte zielsicher bei dir. Bei meiner Mutter zu schlafen, war definitiv keine Option. Ich sah dich im Türrahmen stehen und dein Blick scannte meinen Körper. Ein knielanges Wickelkleid, Halterlose und hohe Schuhe. Verwuschelte Haare und letzte Spuren von Make-Up im Gesicht. So hattest du mich noch nicht gesehen. Als ich mich achtlos auf die Couch fallen lies, war für dich alles klar. Ohne ein Wort gingst du ins Bad und holtest eine Salbe. „Dreh dich um und dann den Rock hoch.“ Mehr sagtest du nicht und mir blieb das Herz stehen. Du hattest mich schon nackt gesehen, oft genug lag ich in deiner Badewanne aber das war anders. Wusste ich doch nicht, wie du zu all dem stehst. Ich muss wohl einer Tomate geglichen haben, als du mir versichertest, dass du dich nur vergewissern wolltest, dass nichts aufgeplatzt ist und die Salbe bei der Heilung helfen würde. Dann deine Finger auf meinem Po, die die Creme vorsichtig einmassierten, während ich immer mal wieder aufzischte. „Dein Arsch sieht wie ein Kunstwerk im Museum aus.“, war dein lachender Kommentar und entschärfte die Situation. Dann folgten wieder stundenlange Gespräche, indem du mir erklärtest, dass dir das alles schon längst klar wäre und du mir deine „Werkzeugtasche“ gezeigt hast. Und plötzlich stand wieder die Frage im Raum, warum wir beide es nicht versuchen sollten? Jedenfalls stand sie bei mir. Bei dir nicht. Deine Erklärung, was du im Spiel bevorzugst und das all das nichts für mich ist, mich eher wieder Zerstören würde, war aber leider umso einleuchtender. Du hast ja Recht. Mit jedem deiner fucking Worte.

Aber du bist jetzt auch mein Verbündeter. Fährst mich durch die Gegend, berätst mich hin und wieder beim Outfit und passt auf mich auf. Scheinbar ist die SM-Gemeinde hier eher klein und so bist du auch mit meinem Herrn bekannt. Ein Vor- und Nachteil, wie sich herausgestellt hat. Als du mich in seinem Namen geohrfeigst hast, war ich einfach nur verwirrt. Irgendwie hoffte ich, dass Sie von dir kam aber als du es aufgelöst hast, war es die größte Strafe. Aber beim nächsten Mal, was es ja eigentlich nicht geben darf, darfst du gern ein bisschen härter zuschlagen oder kannst du etwa nicht? Ich bin nicht aus Zucker.

Du liest in mir wie in einem Buch, auch wenn ich wohl ein sehr schlechter Dreigroschenroman bin. Du hilfst mir auf, wenn ich am Boden liege oder setzt dich dazu, wenn ich noch nicht wieder aufstehen kann. Du beschützt mich und immer da und ich habe oft das Gefühl, dass du mir soviel mehr gibst, als ich dir und das tut mir leid. Und ich hoffe wirklich, dass du in der Hölle mein Kerkermeister sein wirst.

In einer anderen Welt, unter anderen Gegebenheiten und mit anderen Erfahrungen wären wir vielleicht perfekt aber so ist es nicht und es ist auch okay so. Wir wissen, was wir an uns haben und werden es auch hoffentlich nie vergessen und wenn doch mal die Fetzen fliegen, macht ein guter Tropfen alles wieder gut. Wir sind ein gutes Team aber eben nicht mehr und manchmal wünschte ich mir, es wäre anders. Ich wäre anders.

Warum das alles, fragst du dich bestimmt? Nunja ab heute schlafe ich nicht mehr eine Etage unter dir, sondern 20 km entfernt und das wird komisch. Sehr, sehr komisch. Du wirst mir fehlen, auch wenn wir uns oft hoffentlich sehen aber dann kann ich eben nicht mehr die 18 Stufen hochstolpern und du bist da. Aber vielleicht ist diese Distanz auch wieder ganz gut, wer weiß das schon. Gerade nach all dem. Vielleicht brauchen wir einfach nur ein bisschen Raum zum Atmen. Und all das schreibe ich, während das Essen für euch kocht und du fluchend meinen Kleiderschrank aufbaust und dabei einfach fantastisch aussiehst. Könntest du bitte mal weniger attraktiv sein? Du bist da, obwohl wir nicht über Montag gesprochen haben und noch immer eine komische Stimmung zwischen uns herrscht und ich hasse sie. Wir werden auch das schaffen, wie alles, was passierte.

Aber eines noch zum Schluss und vermutlich werde ich gleich mit rosa Kitschwattebällchen beworfen, aber ich liebe dich. Nur eben nicht genug. Und es wird nie genug sein. Ich weiß, wie sich Liebe anfühlen kann. Ich will davon mitgerissen werden und genau das verdienst du auch. Aber diesen Teil in meinem Herzen hast du wohl für immer belegt und jeder Mann, der sich einen Platz neben dir erkämpfen will, wird es schwer haben. Und sollte morgen die Welt untergehen, dann guck mal in dein Bett. Ich werde da sein und auf dich warten und dann lassen wir die Welt sterben, während wir ficken.

 

Liebe Leser, die nicht S. sind, falls du es bis hierher geschafft hast: Herzlichen Glückwunsch. Manchmal ist Freundschaft eben alles. Jetzt wäre es einfach zu sagen, vögelt doch einfach und testet aus, was im Spiel geht und was nicht aber wir wissen, dass wir zumindest in BDSM-Sicht nicht genug für einander sind. Es ist verzwickt und trotzdem wunderschön. Und so lange es schön ist, ist es gut so.

 

3 Kommentare zu „Eine NichtgenugLiebeserklärung

  1. Meine Liebe.
    Ich weiß was du meintest mit dem, was du mir gestern geschrieben hast. Wir sind uns ähnlich. Und ich habe einmal eine ähnliche Erfahrung gemacht.
    Und ich glaube, ich kann dir an dieser Stelle ein sehr großes Kompliment machen – ich habe größten Respekt und ich ziehe meinen imaginären Hut vor dir.
    Denn du schaffst es hier, was nur die seltensten Menschen auf der Welt schaffen:

    Du triffst eine rationale Entscheidung.

    Du lässt dich nicht überrumpeln von Gefühlen, Gedanken und was-wäre-wenns, sondern man merkt sehr deutlich, dass du dir unglaublich viele Gedanken gemacht hast und mutig genug warst auch die schwierigen Seiten zu erkennen. Und du hast dich für das entschieden, was dir wichtiger ist. Die Freundschaft. Ich kann die Situation nicht genau beurteilen, weil ich natürlich nicht viel weiß – nur das, was ich hier lese. Aber er scheint dir ungemein wichtig zu sein und du hast erkannt, dass es Dinge gibt, die ihr zwar versuchen könntet, aber für die ihr auch anderes aufs Spiel setzen würdet. Und du schaffst es, rational zu bleiben obwohl du merkst, wie stark deine Gefühle sind. Das ist eine Stärke die dir – das weiß ich aus eigener Erfahrung – das Leben retten wird. Immer und immer wieder.
    Wenn ihr eure Meinung irgendwann ändern solltet, dann habe ich das Gefühl, ihr habt euch beide bewusst dafür entschieden. Und wenn nicht: dann gilt es, sich auch in zweifelnden Augenblicken bewusst zu machen, was du JETZT an ihm hast und warum es ist wie es ist. Und alle negativen Gefühle, die daraus entstehen, musst dann einfach aushalten. Es ist wie Zeit absitzen. Gefühle sind nie von Dauer. Die gehen immer irgendwann.

    Man ist nie ewig lang gleich glücklich. Und man ist nie für immer gleich traurig.
    Jeder Schmerz lässt irgendwann nach.
    Und jede Sehnsucht wandelt sich irgendwann in Akzeptanz.

    Ich bin sehr froh, dass ich deinen Blog entdeckt habe.
    Abendliche Grüße

    Ophelia

    Gefällt 4 Personen

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